Kleine Lebewesen aus Kupfer: »Blech formen wie einen Teig«

VOM MIKROSKOP AN DIE HAUSWAND
Frösche, Ameisen, Libellen, Skorpione, Spinnen und allerlei anderes Kleingetier stehen Modell für die Kupfertreibarbeiten des Schweizers Jan Kocnar. Der Metallkünstler lebt und arbeitet in Wattwil im Kanton St. Gallen in der Ostschweiz. Aus seiner Spenglerlehre führten ihn sein Weg und vor allem sein kreativer Wille direkt zur künstlerischen und zugleich tierischen Arbeit mit Kupfer

Am Anfang der Arbeit von Jan /A Kocnar steht das penible Studium von Insekten und anderen winzigen Kreaturen der Fauna unter dem Mikroskop. Später, wenn er die Kupferbleche treibt, lötet und schweisst, verleiht er seinen Objekten die von der Natur vorgegebene Anatomie. »Dabei entstehen mitunter Wölbungen im Blech, die andere Kupfertreiber in der Regel zu vermeiden versuchen«, erzählt Jan Kocnar. Ihm sind die Verformungen dagegen geradezu willkommen - als »stabilisierende Elemente«, wie er erklärt. Der Künstler sieht darin nicht zuletzt eine Parallele zu den Verstärkungen in den Chitinpanzern seiner Modelle, die er ebenfalls naturgetreu aus dem Buntmetall herausarbeitet und gestaltet. An den Hauswänden seiner Kunden, in deren Gärten, in den Schaufensterauslagen von Juweliergeschäften, bei Ausstellungen oder auf Messen werben die kupfernen Tiere gewissermassen für sich selbst -- und für Jan Kocnar. Der Künstler versieht seine Objekte oftmals lediglich mit einem Zettel, auf dem seine Internetadresse steht. Über diesen Weg kommen dann Anfragen von interessierten Kunden, und daraus ergeben sich wiederum neue Aufträge für den Wattwiler. Die Originale seiner Skulpturen seien wegen des hohen Arbeitseinsatzes für Käufer zumeist unerschwinglich und daher auch unverkäuflich, erklärt Jan Kocnar. Für die Liebhaber seiner Tierchen fertigt er von seinen Modellen bezahlbare Kopien an. »Das Besondere an meinen Objekten ist ihr geringes Gewicht. Die Tiere liessen sich im Wachsausschmelzverfahren viel leichter giessen, nur wären sie dann auch viel schwerer«, erklärt der Kupfertreiber. Er modelliert seine Kreaturen lieber aus Blech, das er »wie einen Teig« in die gewünschte Form zwingt. So lassen sich etwa bei den von ihm gefertigten Ameisen der Kopf und die Beine bewegen, nach den verschiedensten Seiten ausrichten und einstellen. »Das wäre bei GUSS nicht möglich«, sagt Kocnar. Kopf und Körper dagegen sind aus einem durchgängigen Blech gefertigt. Seine Ameisen bietet der Künstler in einer kleinen und einer grossen Variante an. Die kleine Version entspricht dem Zehnfachen der Originalgrösse, die grossen Modelle sind im Massstab 50:1 zu haben. Jan Kocnar stammt ursprünglich aus der Tschechoslowakei, wo er 1955 geboren wurde. 1970 emigrierte er mit seinen Eltern in die Schweiz und absolvierte in Interlaken eine Lehre als Spengler. »In dieser Zeit entdeckte ich die Faszination des Werkstoffes Kupfer.

Der schon währen der Lehrzeit meine künstlerischen Sinne weckte und durch all die Jahre mein Werkstoff geblieben ist«, blickt Kocnar zurück. Zunächst entstanden Kupferstiche sowie ausdrucksstarke Kupfergravierungen und Kaltradierungen. »Nach abgeschlossener Lehre begannen meine Lehr- und Wanderjahre quer durch die Schweiz. Ich besuchte Vorlesungen für Kunstgeschichte und Aktzeichnen, und schon wurde die künstlerische Veränderung sichtbar. Der Schritt vom zweidimensionalen Bild zur dreidimensionalen Plastik bedeutet, die Bearbeitung des Kupfers vollkommen zu beherrschen.«